Die Historie

Veckenstedt Thie

Pedro 

Auf dem Weg von Goslar, Bad Harzburg über Eckertal liegt im nördlichen Harzvorland die 1800 Seelengemeinde Veckenstedt.

Von dort aus läßt sich das 10 km entfernte  Fachwerkstädtchen Wernigerode mit dem Fahrrad über den poetischen landwirtschaftlichen Weg „Charlottenlust„ erreichen.

Im  historischen Ortskern nahe der Kirche und des heutigen Heimatmuseums liegt das Mühlenanwesen, 1884 von Oskar und Martha Klein erbaut. Stolz steht der Zweitbesitzer August Bollmann, neben seinem Lastwagen mit der Aufschrift „Kunstmühle Veckenstedt am Harz“.

August Bollmann

Während des zweiten Weltkrieges übernahmen zeitweise zwei Turbinen die Stromversorgung für das gesamte Dorf Veckenstedt. Dies geschah unter der Herrschaft des Mühlenbetreibers Erich Seifert.

1963 ging die Mühle in den staatlichen Besitz der DDR  über. Die Mühle bot von Beginn bis Ende vielen Veckenstedtern eine Ausbildung und Arbeit.

Das Wohngebäude blieb bis zur Wende in privatem Besitz der einzigen Tochter Edith Seifert, die das Haus 1993 aus Altersgründen an die Künstlerin Edda Grossman verkaufte.

Bollmann-Seifert002

Jahrzehnte langes Gewohnheitsrecht der Dorfbevölkerung, Wege quer über den verwilderten Hof abzukürzen, war für einen zugezogenen “Wessi” recht unterhaltsam.

Mit dem achtjährigen Nachbarsjungen, der seine göttlich weißen Enten täglich mit einem Stöckchen zum Mühlengraben trieb, blieb die Zeit nach der Wende stehen.

Tante Gerda brachte den Künstlern die Hühnerhaltung fliegender Zwerg-Italiener bei, die lieber frisch gesetzte Tulpenzwiebeln ausscharrten, als Frühstückseier legten. Sie lehrte die Künstlerfamilie eigene Hausschlachtung, backte süße Jägerschnitten oder brachte im Korb die vorzügliche Klößchen-Suppe vorbei.

Tante Gerda mit Mauritz 1998

Frau K. war beim Aufräumen und Entrümpeln der Gerätschaften der Trecker-Garage durch die Deckenbalken gestürzt, mit einem Aufschrei blieb sie Gott sei Dank zwischen den Balken hängen. Ein Votivbild!

Der riesige Kleiderschrank blieb im Treppenhaus stecken, zu schade, um ihn zu verheizen, zu braun, um damit zu fröhlich zu leben. So entstand Edda Grossmans Möbelmalerei, die den Schrank nebst anderen Schabraken des Hauses  ringsrum bemalte.

Kübelweise wurde der Dachboden von Mäusekütteln, Papieren und Mühlenstaffagen unter staubkornallergischen Anfällen befreit. Eine 40jährige Mühlenepoche verwandelte sich in ein Atelier.

Pedro
Pedro

1995 wurde das an grenzende  Mühlengebäude gekauft, viel Platz, viel Arbeit für zwei Maler mit zwei Kindern, zwei Ponys, einem Ziegenbock und einem einjährigen weißen Lamafohlen, Namens Pedro. Eigens für den jungen Hengst wurde ein Stück Wiese auf dem romantischen Thie, dem ältesten Fleck Veckenstedts gepachtet. Als er anfing, weibliche Personen zu bespucken, sich außer Rand und Band gebärte, musste er zurück in die Herde, denn selbst der ansässige Tierarzt wußte keinen Rat mehr, der Pubertät Einhalt zu gebieten. Lamazüchter belehrten uns, dass Hengstfohlen drei Jahre in der Herde bleiben sollten, um zahm zu werden.

Eine engagierte Freundesgemeinschaft und viele Nachbarn halfen, die Säle und ehemaligen „Gesinderäume“ Stück für Stück in großzügige, lichtvolle, der Öffentlichkeit zugängliche Räume zu verwandeln.Das Motto”Veckenstedt, wo sich die Welt trifft“, nach Karl Oppermanns Poststempel, bewahrheitete sich, als 2008 die Räumlichkeiten von Tangotänzern entdeckt wurden. Seitdem treffen sich über 100 Tänzer/innen aus ganz Deutschland zweimal jährlich zu einem internationalen Festival, um sich der Freude des Tangotanzens intensiv zu widmen.

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Das Wort „ Kunstmühle“ erklärt sich so:

Zuvor war das Getreide auf Steinen gemahlen worden. Die Mühlensteine wurden dann durch Mahlwalzen aus Eisen oder Stahl ersetzt. Die Stahlwalzenmüller waren  Kunstmüllerin dem Sinne, als dass die Mahlwalze ein künstlich erzeugtes Produkt ist, im Gegensatz zu den Mühlsteinen, die natürlichen Ursprungs sind.

Der geschichtliche Begriff Kunstmühle, der Anfang des 19.Jh. aus der Phase der Technisierung der Mahlverfahren entstanden ist,  hat in Veckenstedt eine multikulturelle Bedeutung gefunden.

Dem Volkslied „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“gleich werden Neugierige das nostalgisches Wasserrad suchen und es vielleicht in einem argentinischen „Vals“ (Walzer) rauschen hören, vor allem entdecken sie die Lust, das genussvolle Tanzen im Tango selbst erlernen zu wollen. Veranstaltungen, die die unterschiedlichen Künste verbinden, machen die Kunstmühle heute zu einem Ort der Begegnung mit Mensch und Kunst.

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